wolkig bis heiter

Gedanken zwischen Wolken und Licht

„Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz …“

Mit diesen Worten beginnt eines der schönsten Gedichte Rainer Maria Rilkes. Und es endet mit: „… und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.“

In diesem Text: „Dulde stumm, was wir dir dunkel tun“ – liegt für mich ein ungeheures Versprechen. Das „sanfteste Gesetz“ hält die Freiheit des Menschen aus. Es zwingt nicht, es überwältigt nicht, es verhindert nicht einmal, dass wir schuldig werden.

Das ist keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Unrecht. Es ist vielmehr das Vertrauen, dass Sanftheit tiefer wirkt als Zwang. Dass Geduld manchmal mehr verwandeln kann als Druck.

Es erinnert mich auch an den Taoismus. Im Tao Te King heißt es immer wieder, dass das Weiche das Harte überwindet, dass Wasser den Felsen formt, nicht durch Gewalt, sondern durch Beharrlichkeit. Sanftheit ist dort keine Schwäche. Sie ist eine Kraft, die auf Dauer stärker ist als Härte.

In unserer Gesellschaft beschäftigen wir uns mit der Schwerkraft, mit den Gesetzen der Thermodynamik, mit Physik, Chemie und Biologie. Wir erforschen die Kräfte, die Sterne entstehen lassen, Atome zusammenhalten und den Lauf der Natur bestimmen.

Doch wann beschäftigen wir uns mit dem sanftesten Gesetz? Vielleicht wäre es an der Zeit, auch von diesem Gesetz zu lernen. Nicht, weil es ein Naturgesetz ist, sondern weil es unser Zusammenleben verwandeln könnte.

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