Ich habe einmal an einer Hauswand einen Spruch gelesen:
„Wann hast du zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“
Ich fühlte mich direkt angesprochen und irgendwie ertappt. Wir sind so in unseren Routinen gefangen und in den immer gleichen Abläufen, die uns mit der Zeit abstumpfen lassen.
Als ich an jenem Tag weiterlief, nachdenklich über den Spruch an der Hauswand, hörte ich einen zarten Klang. Es war Januar, ein milder Wintertag. Ich ging Richtung Park und sah einen jungen Straßenmusiker auf dem Boden sitzen. Vor ihm stand ein Hut für Münzen. Für gewöhnlich blieb ich bei Straßenmusikern nicht länger als ein paar Minuten stehen. Dieser Straßenmusiker war anders. Er wirkte nachdenklich und in sich gekehrt.
Ich dachte wieder an den Spruch an der Hauswand: Kann ich heute zum ersten Mal länger stehen bleiben und wirklich zuhören?
Ich wartete also auf die ersten Töne, die er anschlagen würde, nachdem er seine Gitarre gestimmt hatte. Dann begann er auf eine ganz sanfte und unaufdringliche Weise zu spielen. Ich erkannte die Melodie sofort: Er spielte Let It Be von den Beatles. Der leise Klang wirkte so beruhigend.
Es war lange her, dass mich Musik auf so tiefe Weise berührt hatte. Ausgerechnet ein Lied der Beatles, das ich bestimmt schon hunderte Male gehört hatte. Aber bei diesem Straßenmusiker habe ich das Lied wahrscheinlich zum ersten Mal wirklich gehört. Die Töne und seine zerbrechliche Stimme rührten die Saiten in meinem Innern an.
Hermann Hesse schreibt in seinem Gedicht „Sprache“, dass im Heiligtum der Welt ein unstillbarer Drang lebt, der danach strebt, sich auszudrücken – nicht nur durch Worte, sondern ebenso durch Gebärden, Farben und Klänge.
Hatte mich das Heiligtum der Welt berührt durch einen Staßenmusiker, an dem ich fast achtlos vorbeigelaufen wäre?
Ich nehme mir vor, jetzt öfter etwas zum ersten Mal zu machen.